Blindverkostung – die etwas andere Art, Tee zu verkosten

Die Besitzer des Teegeschäftes „Sir Harly´s Tea“ in Wien fragten mich, ob ich nicht Lust zu einer Blindverkostung hätte. Warum eigentlich nicht? Wird sicher witzig!

Angesichts der Tatsache, dass es hunderte Tees gibt, die jedes Jahr und zu jeder „Pflückzeit“ anders schmecken, ist das natürlich ein riskantes Unterfangen. Wer weiß, ob ich auch nur einen einzigen erraten würde? Doch die Neugierde siegte und nun sitze ich in meiner Wohnung mit fünf Tees, auf denen nichts anderes steht als die Ziffern 1-5.
Eine kurze Erklärung zu den Bildern (jeweils von links nach rechts):
– Der Tee mit der Nummer
– Das aufgegossene Blatt nach der Tea Tasting-Methode: 2,8g Tee, 100 °C Wasser, 5 Minuten Ziehzeit
– Der Aufguss nach der Tea Tasting-Methode
– Der Aufguss, wie ich ihn „trinkfertig“ für Gäste machen würde
– Das trockene Teeblatt

Tee1
Tea Tasting-Aufguss:
für mich persönlich schmeckt er recht bitter, aber man trinkt ihn ja Gott-sei-Dank üblicherweise nicht so.
Mein Aufguss:
Ca. 1,5g / 90 Grad Wasser / 30 Sekunden Ziehzeit
Fazit: ein sehr milder Geschmack, ein guter Einsteigertee. Mit der kurzen Ziehzeit schätze ich, dass 4-5 Aufgüsse möglich wären.
Meine Vermutung:
Ein Champagner Oolong oder vielleicht doch ein Tie Guan Yin. Ich glaube, dass es sich um einen relativ leicht oxidierten Oolong handelt.
Wenn ich recht habe, dann…
würde ich ihn untertags trinken bzw. Menschen empfehlen, die sich an Oolongs erst gewöhnen müssen oder wollen.

Wir erinnern uns: grüner Tee ist nicht oxidiert, schwarzer Tee ist voll oxidiert, alle teilfermentierten heißen Oolong-Tee.

Tee2
Tea Tasting-Aufguss:
Er schmeckt eigentlich wie ein Schwarztee, obwohl… beginnen wir mit „meinem Aufguss“:
Mein Aufguss:
Da das trockene Blatt mich vom Geruch her eher an einen dunklen Oolong erinnerte, habe ich 1,5g Tee 20 Sekunden lang aufgegossen und weggeleert („Tee waschen/aufwecken“ nennt man das). Danach bei 90 Grad 25 Sekunden Ziehzeit.
Der Geschmack war sehr voll und reichhaltig. Nach der kurzen Ziehzeit würde ich ihn durchaus 6-7x aufgießen, wenn es allerdings ein schwarzer Tee ist, müsste ich ihn nochmals machen und bei 100 Grad 3 Minuten ziehen lassen.
Vermutung:
Ich habe keine Ahnung, ganz ehrlich. Ich hätte noch nie einen so klein gerollten dunklen Oolong gesehen/getrunken & aufgrund des Tea Tasting-Aufgusses revidiere ich meine erste Vermutung und sage: vielleicht ist es ein schwarzer Siam-Tee?
Wenn ich recht habe, dann…
würde ich ihn eher in der kälteren Jahreszeit oder abends trinken. Er schmeckt sicher auch zu stärker gewürztem oder rotem Fleisch ganz gut.

Tee3
Tea Tasting-Aufguss:
Wenn mir Menschen sagen, dass sie keinen grünen Tee trinken, weil „der so bitter schmeckt“, sage ich immer: entweder war die Ziehzeit zu lange oder das Wasser zu heiß. Genau das passiert natürlich bei dieser Methode: zu lang, zu heiß…
Mein Aufguss:
1,5g / 80 Grad Wasser / 2 Minuten Ziehzeit
Fazit: ein milder und leicht verträglicher Grüntee.
Vermutung:
Lung Ching
Wenn ich recht habe, dann…
würde ich den Koffeingehalt trotzdem nicht unterschätzen und ihn eher morgens als abends trinken.

Tee4
Tea Tasting Aufguss:
„adstringierend“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Ich weiß aber auch, dass ich bei der Geschmacksrichtung „bitter“ sehr empfindlich reagiere. Geschmacklich ist er jedenfalls sehr kräftig und intensiv.
Mein Aufguss:
1,5g / 100 Grad Wasser / 3 Minuten Ziehzeit
So entspricht er schon eher meinem Geschmack. Da ich in England mit Tee erstmals in Kontakt kam, entsteht umgehend der Gedanke, ob ich nicht noch irgendwo Milch hätte, die ich dazu leeren kann. Auch der „trinkfertige“ Aufguss ist noch sehr kräftig und vollmundig.
Vermutung:
Es könnte ein schwarzer Tee aus Assam sein. Als zweiter Gedanke kam mir Ceylon in den Sinn, allerdings trinke ich kaum Ceylon-Tees und habe daher auf dem Gebiet wenig Erfahrung.
Wenn ich recht habe, dann…
eignet er sich gut mit Milch, da er trotzdem nicht an Geschmack verlieren würde. Auch im Winter, um Chai zu kochen, ist er sicher sehr gut geeignet.

Tee5
Tea Tasting-Aufguss:
Yummiiieh! Ein Oolong! Nicht zu bitter, trotzdem sehr reichhaltig.
Mein Aufguss:
1,5g / Tee aufgeweckt (siehe Tee Nr.2) / danach: 90 Grad Wasser / 20 Sekunden Ziehzeit
Die Blätter sind nahezu schwarz mit einem leicht silbernen Schleier, ich vermute geschmacklich wie optisch einen dunklen Oolong. Zu stark fermentierten Oolongs sag ich immer dasselbe: man liebt ihn oder man hasst ihn – ein ganz intensiver und leicht rauchiger Geschmack.
Vermutung:
Da Hong Pao
Wenn ich recht habe, dann…
bekommt man aus diesem Tee jedenfalls 6-7 Aufgüsse heraus. Für koffeinunempfindliche Menschen empfehle ich den Tee auch abends, andernfalls sollte man ihn spätestens am Nachmittag trinken.

Fazit:
Ich vermute zwei Schwarztees, zwei Oolongtees und einen grünen Tee. Es war jedenfalls eine ganz neue Erfahrung, Tees auf diese Art und Weise zu verkosten, da man ja üblicherweise weiß, welchen Tee man sich gerade macht.

Wenn Ihr aufgrund der Beschreibungen neugierig geworden seid, bekommt Ihr die Tees hier:
https://www.harly-tea.at/

Doch nun heißt´s abwarten und auf die Auflösung warten. Ich gebe Euch hier Bescheid, sobald ich das Ergebnis habe!

….Tage später: die Auflösung!

Tee Nr. 1: China Green Tea LU AN GUA PIAN Grüntee
Mein Tipp war ein leicht fermentierter Oolong, das Ergebnis ein Grüntee – zumindest war ich nicht zuuu weit vom Ergebnis entfernt.
An der Zubereitung hätte ich geändert:
etwas kühleres Wasser verwenden (ca 80 Grad) und den Tee etwas länger ziehen lassen.

Tee Nr. 2: Halbfermentierter Tee Formosa Dark Pearl Ooolong Oolong Tee
Meine Tipp wäre -unbekannterweise- ein sehr dunkler Oolong (geruchlich) oder Siam-Schwarztee (optisch) gewesen. Mit dem Oolong hatte ich recht. Meine Nase hat über die Augen gesiegt.
Die Zubereitung war also die richtige.

Tee Nr. 3: Nr. 3: Grüner Tee China k.b.a. Lung Ching Grüntee
Richtig geraten. Die Blätterform in Kombination mit dem Geruch ist nahezu unverkennbar.

Tee Nr. 4: Nr. 4: China Yunnan Imperial Schwarztee
Mein Tipp Schwarztee aus Assam (alternativ Ceylon) war zur Hälfte richtig: Assam war falsch – charmante 2000km weiter östlich entsteht dieser Tee. Ich hab wieder was Neues kennengelernt: die Yunnan-Tees, die ich bisher getrunken habe, schmeckten ganz anders. Was mich wieder darin bestätigt, wie unterschiedlich Tees schmecken können, auch, wenn sie quasi denselben Namen tragen.

Tee Nr. 5: Nr. 5: China Li-Zi-Xiang Grüntee
Mein Tipp war Da Hong Pao. Das war ja komplett daneben. Ein Grüntee hat mit einem Da Hong Pao so richtig gar nichts zu tun. Weder optisch noch vom Geruch her. Über diesen Tee müssen mir die Besitzer noch etwas mehr erzählen: wieso er so nach Oolong schmeckt, warum er so dunkel ist,…

In Summe bin ich einerseits recht zufrieden, wieviele der Facetten ich erkannte, andererseits hab auch ich wieder viel dazugelernt. Es ist eben doch ein wirklich großes, sich immer veränderndes Feld, dieses Teefeld. :o)

Audiobeitrag: Blindverkostung_Aug2015_Audio

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