Der Tee & seine Multikulturalität

Wer einen Blog hat, sollte sich, meiner Ansicht nach, in Zeiten wie diesen auch äußern. Ich überlegte lange, wie ich das mit einem Teeblog machen könnte. Ein Gedankenprotokoll.

Ich sage immer: “Mensch kann nicht nicht politisch sein.” Ob man sich beteiligt oder nicht, steht natürlich auf einem anderen Blatt, aber eine Meinung hat jeder Mensch. Die aktuelle politische Situation macht mir Angst, das Heraushalten einiger EU-Länder befremdet und lässt mich fragen, wo Menschenrechte und -pflichten geblieben sind? Es ist die Pflicht, zu helfen, wenn jemand Hilfe benötigt. Ob das mein Nachbar im Haus oder ein Flüchtling nach einer wochen- und monatelangen beschwerlichen Reise ist – egal.

Doch kommen wir zum Hauptthema dieses Blogs zurück, dem Tee. Vielleicht schafft es dieses Getränk, Bewusstsein zu schaffen. Was trinken wir hier? Ein paar Gedanken aus meiner Küche:

Meine grünen Tees stammen aus China, einem Land, in dem auch in diesem Winter wieder viele Menschen erfrieren werden… oder aus Japan, das von einem AKW-Unglück oder Überschwemmungen geplagt wurde und wird.
Meine schwarzen Tees kommen aus China, Sri Lanka, Thailand, Kenia, Neuseeland – oder zB. Nepal, das seit Monaten von Erdbeben heimgesucht wird. Außerhalb meiner eigenen vier Wände liebe ich den schwarzen Tee aus dem nahen Osten oder der Türkei.
Meine Oolongtees wurden in Taiwan und China produziert.
Meine Kräutertees stammen aus verschiedenen Ländern Asiens, aber auch aus europäischen Ländern wie Österreich oder von den osteuropäischen Nachbarn.
Mein Teegeschirr stammt aus Deutschland, aus Japan, aus Polen.

Ich schreibe nur von den Produkten, von deren Herkunft ich weiß. Ganz bestimmt gibt es Aromen, Blüten, Tassen und anderes, von dem ich nicht mal weiß, wo es produziert wurde.
Was ich aber jedenfalls weiß: viele Menschen auf dieser Welt, die nicht halb so viel haben wie ich, die in Armut leben, die mit Naturkatastrophen oder politisch untragbaren Situationen leben müssen, engagieren sich dafür, dass ich hier in Wien in meiner warmen Wohnung sitzen und meinen Tee genießen darf. Sie sind dafür verantwortlich, dass ich soviel von dieser Welt lernen darf, ohne gleich verreisen zu müssen – auch, wenn ich das sehr gerne und viel öfter machen wollen würde.
Egal, wo ich hinkomme: wenn es eine teetrinkende Kultur ist, wurde und werde ich von fremden Menschen eingeladen, bei einer Tasse Tee Zeit mit ihnen zu verbringen, sie kennen und schätzen zu lernen.

Diese Offenheit, die ich durch den Tee kennenlernen durfte, will ich auch den Menschen entgegen bringen, die etwas von mir benötigen. Es ist meine Pflicht als Mensch. Grenzen sind nicht automatisch auf dieser Welt. Grenzen werden von Menschen eigenmächtig festgelegt. Dota Kehr hat diesen Gedanken in ihrem neuen Lied Grenzen vertont.

Seien wir uns bewusst, dass viele von uns Europäern schon oft Hilfe benötigt haben – sei es der 2. Weltkrieg, die Krise im ehemaligen Jugoslawien, der eiserne Vorhang, die alltägliche Armut innerhalb Europas. Man könnte noch viele Beispiele aufzählen.

Wer mir nicht glaubt, dem sei folgendes empfohlen: fülle 1 oder 2 Thermoskannen mit heißem Tee, besorge ein paar Becher, ein paar Stück Zucker und fahr an irgendeinen Ort, an dem sich zur Zeit Flüchtlinge aufhalten. Setz Dich hin, teile Deinen Tee mit diesen Menschen. Du wirst strahlende Gesichter und eine unvorstellbare Dankbarkeit erleben, die Dich in Zukunft nicht mehr zweifeln lassen. Diese Geste der Menschlichkeit dauert nicht lang. Nicht mal einen Nachmittag. Das muss es uns doch wert sein, ein wenig unserer Zeit, unseres Geldes oder zumindest unseres Verständnisses aufzubringen. Ein kleiner Schritt kann Berge versetzen.

Übersetzt heißt namasté soviel wie: ich sehe die Göttlichkeit in Dir und in mir und dort sind wir vereint. Das ist nicht esoterisch, das ist menschlich.

In diesem Sinne: namasté!

spacer

2 comments on “Der Tee & seine Multikulturalität

  1. Mama

    Liebe Martina!
    Ich danke dir für diesen Beitrag! Er ist wahrlich ein Aufruf, sich für eine bessere Welt zu engagieren; und noch dazu mit Liebe zum Detail in der sprachlichen Formulierung geschrieben – Das ist ja eine unserer gemeinsamen Leidenschaften :)
    Bis bald! Deine Mama